"Giftige Heringe" - Oskar Lafontaine über Mélanchons Streitschrift gegen die deurtsche Vorherrschaft in Europa

Erschienen in der Zeitung "Junge Welt"

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Rezension. Der Chef der französischen Linkspartei Jean-Luc Mélenchon hat eine Streitschrift gegen die deutsche Vorherrschaft in Europa verfasst.

Der Zeitpunkt war gut gewählt. Einen Tag vor dem 8. Mai, der in Frankreich arbeitsfreier Feiertag und als »Victoire« über den deutschen Faschismus und dessen Wehrmacht im Kalender vermerkt ist, erreichte die französischen Buchläden eine Streitschrift. Sie trägt den Titel »Le Hareng de Bismarck – Le poison allemand« (Bismarcks Hering – Deutsches Gift). Verfasser ist der Chef des Parti de Gauche (Linkspartei) Jean-Luc Mélenchon. Die Namenswahl geht auf ein Treffen Angela Merkels mit François Hollande am 10. Mai 2014 in Stralsund zurück. Damals führte die Kanzlerin den Präsidenten der République française in ihrem Wahlkreis in Vorpommern herum, ließ ihm ein Geschenk überreichen und lud zur Schiffstour auf der Ostsee. Das Geschenk war ein Holzfass voller eingelegter Bismarckheringe, benannt nach dem Mann, der als »Eiserner Kanzler« die Franzosen vor nunmehr 140 Jahren schon einmal demütigte, indem er seinen Kaiser auf deren Territorium krönen ließ. Die Tour auf der Ostsee wiederum fand statt auf einem Schiff namens »Nordwind«. So hieß indes auch schon die letzte Wehrmachtsoperation an der Westfront, unternommen im Januar 1945. Vergiftete Gabe und subtile Symbolik der Feindschaft, könnte man meinen. Jean-Luc Mélenchon sieht es jedenfalls so. Der Fall ist ihm allerdings nur Anlass, gegen die deutsche Vorherrschaft in Europa und gegen das deutsche Modell der Austerität, das von Berlin zur Nachahmung nicht nur anempfohlen, sondern aufoktroyiert wird, zu streiten.

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Neue Verantwortung Deutschlands für Frieden, Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit

Oskar Lafontaine zum 70. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus

Jahrestage und Gedenkveranstaltungen prägen die Erinnerungskultur der Menschen. Das gilt besonders für den 8. Mai, den Tag des Kriegsendes in Europa.

»Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat«, schrieb einst der Aufklärer Voltaire. Aber wer hat sich auf was geeinigt? Marx und Engels helfen da weiter: »Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken.« Die herrschende Geschichtsschreibung ist die Geschichtsschreibung der Herrschenden.

Das galt und gilt auch für die Jahrestage und Gedächtnisfeiern zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Als Richard von Weizsäcker in seiner berühmten Rede am 8. Mai 1985 sagte: »Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.« Und weiter: »Wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Kriege führte.« Und: »Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, dass Deportationszüge rollten.« Da wurde er von allen zu Recht gefeiert. Einen Tag später meinte Willy Brandt zu mir: »Das habe ich schon so oft erzählt, aber es ist wohl etwas anderes, wenn ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier oder ein ehemaliger Emigrant so etwas sagt.« Das deutsche Bürgertum, das sich, von einigen Ausnahmen abgesehen, den Nazis weder 1933 noch in den folgenden Jahren ernsthaft entgegengestellt hatte, bewertete das Ende des Zweiten Weltkrieges anders als die Arbeiterbewegung, die schon vor 1933 und während der Nazidiktatur Widerstand leistete.

Auch der Widerstand gegen Hitler wurde nach dem Krieg in Westdeutschland instrumentalisiert. Im Geschichtsunterricht an den Schulen wurde er auf das Attentat vom 20. Juli 1944 und auf den vereinzelten Widerstand überzeugter Christen reduziert. Vom Kampf und den Leiden der Arbeiterbewegung, von den Gewerkschaftern, Kommunisten und Sozialdemokraten, die in die Konzentrationslager gebracht wurden, war weniger die Rede. Auch von dem Schreiner Georg Elser, der schon am 8. November 1939 bei einer Kundgebung im Münchner Bürgerbräukeller ein Attentat auf Hitler und die nationalsozialistische Führungsspitze versuchte, hörten wir in der Schule nichts.

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Oskar Lafontaine - 1. Mai 2015, Trier, DGB Kundgebung

Oskar Lafontaine fordert eine Rückverteilung von den Vermögenden zu den Arbeitnehmern, Arbeitslosen und Rentnern. Bei der Kundgebung zum 1. Mai in Trier erklärte er: „Es geht darum, den Menschen wieder zurück zu geben, was man ihnen nach meiner Ansicht widerrechtlich weggenommen hat, weil man ihnen den Ertrag ihrer Arbeit nicht ausgezahlt hat. Große Betriebsvermögen müssen zu Belegschaftsvermögen werden, die nicht veräußerbar sind, damit die Arbeit Tausender nicht zum Vermögensaufbau eines Einzelnen dient. Wer über Politik redet und über die Eigentumsfrage nicht, der sollte eigentlich nach Hause gehen. Wie entsteht Eigentum? In der Zeit der Aufklärung hat man gesagt: Eigentum entsteht durch Arbeit. Und nicht dadurch, dass man andere, und zwar Hunderte, Tausende für sich arbeiten lässt. Kehren wir zurück zur Formel der Aufklärung. Lassen wir Eigentum wieder durch Arbeit entstehen.“

Sehenswert: Der Vorsitzende der französischen LINKEN (Parti de Gauche), Jean-Luc Melanchon im Interview über die deutsche Europa-Politik

Jean-Luc Mèlanchon von der französischen "Parti de Gauche" im Interview mit dem französischen Fernsehsender "France 2": Mèlanchon zeigt das ökologische und soziale Antimodell von Deutschland unter Merkel auf und erklärt: "Das deutsche Modell ist egoistisch und destruktiv" - sehenswert:

https://www.dailymotion.com/video/x2pw871_melenchon-le-modele-allemand-est-egoiste-et-destructeur_tv

 

Veröffentlichungen von Oskar Lafontaine

25. Mai 2015

Oskar Lafontaine: "Der die Menschenwürde verachtende Kapitalismus ist nicht das Ende der Geschichte"

Bei den Kommunalwahlen in Spanien hat die linksalternative Gruppierung Podemos ("Wir können") beachtliche Erfolge erzielt. Der Wahlblock um Podemos stellt in Barcelona die stärkste und in Madrid die zweitstärkste Stadtratsfraktion. Aber: "Es wird erwartet, dass die PSOE (die spanische SPD), die längst eine bürgerliche ...

22. Mai 2015

Oskar Lafontaine: Wer Streikmacht der Gewerkschaften schwächt, der stärkt das Lohndumping

Oskar Lafontaine wirft Union und SPD vor, mit dem Tarifeinheitsgesetz das Streikrecht und die Freiheit der Beschäftigten einzuschränken. „Die Bundesregierung musste auf eine Anfrage der Grünen selbst einräumen, dass Zweifel an der Verfassungsmäßigkeit des Gesetzes begründet sind. Zudem werden nun ausgerechnet die Gewerkschaften ...

22. Mai 2015

Oskar Lafontaine: Wer Armut bekämpfen will, muss Reichtum begrenzen

Nachdem eine aktuelle Studie der OECD zu dem Ergebnis kommt, dass das Vermögen in Deutschland besonders ungerecht verteilt ist und zehn Prozent der Bevölkerung 60 Prozent besitzen, erneuert Oskar Lafontaine seine Forderung nach einer angemessenen Besteuerung von Millionen-Einkommen, -Vermögen und -Erbschaften. „Dem wachsenden ...

Aktuelle Debatten

23. Mai 2015

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13. Mai 2015

Papst attackiert verkommene Politik: Regierungen leben vom Krieg

„Warum wollen so viele Regierenden nicht den Frieden? Weil sie vom Krieg leben! Es ist die Waffenindustrie – das ist schwerwiegend! Einige Mächtige verdienen mit der ,Fabrik der Waffen‘, verkaufen Waffen an verfeindete Länder. Das ist die Industrie des Todes.“ Papst Franziskus zu Schülergruppen im Vatikan.

09. Mai 2015

Oskar Lafontaine im Interview mit "Weltnetz" zum Tag der Befreiung, dem Verhältnis zu Russland und einer notwendige Friedenspolitik

Kurz vor dem 8. und 9. Mai, dem 70. Jahrestag der Befreiung Deutschlands und Europas vom Hitlerfaschismus, sprach weltnetz.tv mit Oskar Lafontaine. Lafontaine, derzeit Vorsitzender der Linksfraktion im saarländischen Landtag, spricht über das notwendige Verhältnis zu Russland, Geschichtsrevisionismus und den Zwang, eine neue ...