Mittwoch, 23. September 2015

"Lieber arbeitslos als gedemütigt" - Interview mit dem Magazin "€uro"

Oskar Lafontaine über prekäre Arbeitsverhältnisse, deutsches Lohndumping in Europa, reiche Erben und die neoliberale Übermacht

"Lieber arbeitslos als gedemütigt" - Interview mit dem Magazin "€uro"

€uro: Herr Lafontaine, Deutschland scheint eine Insel der Glückseligen zu sein: wenig Arbeitslose, eine starke Wirtschaft, die Verbraucher geben viel Geld aus. Die Große Koalition macht alles richtig, oder?

Oskar Lafontaine: So können nur diejenigen denken, die auf der Sonnenseite des Lebens stehen. 25 Prozent der Beschäftigten stehen in prekären Arbeitsverhältnissen. Die sehen das ganz anders und werden später an Altersarmut leiden.

€uro: Dass DIE LINKE Hartz IV zurücknehmen würde, ist bekannt. Dabei haben die sozialen Einschnitte auch Gutes bewirkt. Die Arbeitslosenrate ist nach den international vergleichbaren ILO-Zahlen von 11,1 Prozent im Jahr 2005 auf 4,7 Prozent gefallen.

Oskar Lafontaine: Ihre Zahlen bilden die Lebenswirklichkeit nicht ab. Hartz IV hat vor allem zu unzumutbaren Arbeitsverhältnissen geführt. CDU/CSU, SPD, Grüne und FDP sind auch noch stolz darauf. Wir schließen uns dieser Lobhudelei keinesfalls an. Wenn wir aus guten Arbeitsverhältnissen prekäre machen, dann ist zwar die Arbeitslosigkeit weg. Aber den Menschen geht es schlecht.

€uro: Ein paar Entwicklungen in Deutschland dürften auch Ihnen gefallen. Die Einführung des Mindestlohns zum Beispiel.

Oskar Lafontaine: 8,50 Euro ist besser als nichts, aber nicht ausreichend. Das ist eine Garantie für spätere Altersarmut.

€uro: Wie hoch müsste der Mindestlohn sein?

Oskar Lafontaine: Mindestens zehn Euro. Wir haben hohe Unternehmensgewinne und verschleudern Milliarden für Banken. Aber wir haben kein Lohnniveau, das den Menschen im Alter ein würdiges Leben ermöglicht. Außerdem schadet das deutsche Lohndumping den europäischen Nachbarn. Frankreich und Italien werden deindustralisiert.

€uro: Um das zu ändern, müssten diese Länder Reformen umsetzen…

Oskar Lafontaine: Man darf Sozialabbau nicht immer Reformen nennen. Ich bin für Wahrhaftigkeit. Sagen Sie es doch: Sie meinen Kürzungen.

€uro: Einverstanden. Aber Italien und Frankreich kommen um diese Kürzungen nicht herum.

Oskar Lafontaine: Fasch! Deren Verlust an industriellen Absatzmärkten liegt an der deutschen Lohndrückerei. Sie ist das größte Problem Europas. In Deutschland lagen die Lohnabschlüsse über Jahre unterhalb der Produktivität und der Inflationsrate. Das hat ganz Europa in Schwierigkeiten gebracht, weil die Nachbarn nicht mehr mitkommen. Deutschland hat gewaltige Handelsbilanzüberschüsse, die abgebaut werden müssen…

Das vollständige Interview gibt es hier

1 Kommentar(e) zu ""Lieber arbeitslos als gedemütigt" - Interview mit dem Magazin "€uro""

Präkere Arbeitsverhältnisse - Investitionsstau - Perspektiven

von Joachim Lund bv am 04.02.2017 um 09:28 Uhr

Den Ausführungen von Hern Lafontaine kann ich nur zustimmen. Es stimmt nicht, daß durch die Niedriglohnpolitik allein die damalige Krise zu bewältigen war. Schon 20 Jahre zuvor hatten die Medien berichtet, daß in unserer Wirtschaft zu wenig für Innovation getan werde. Das paßt auch zu der vom DIW durchgeführten jüngsten Studie über den in Wirtschaft und Verwaltung bestehenden Investitionsstau. Das hat Folgen für unsere künftige Wettbewerbsfähigkeit, für Beschäftigung und Kaufkraft, für Seuereinnahmen und Sozialétat. Innovationen sind für unsere Wirtschaft von größter Bedeutung, wenn wir wettbewerbsfähig bleiben wollen, sonst fallen wir hinter den USA und Asien zurück. Ohne Innovationen gibt es keine Perspektiven. Neben der Bildung gehört bekanntlich eine erstklassige Verkehrsinfrastruktur zu den besten Voraussetzungen für eine prosperierende Wirtschaft. Im Lande bestehen katastrophale Verhältnisse in den Verkehrssystemen Straße und Schiene. Mit Innovationen und Investitionen in die Systeme könnte das Verkehrswesen doppelt so effektiv sein wie heute. Jeder Euro macht sich mehrfach bezahlt, direkt und indirekt. Wenn wir uns nicht anstrengen, wird es keine Perspektiven geben, um die es sich lohnt. Nur wenn wir handeln, können wir etwas verbessern. Deshalb ist Sparen ein Unwort in Wirtschaft und Politik; denn es geht niemals ums Sparen, sondern um Optimierung der Mittelverwendung. Das ist etwas ganz anderes und öffnet ganz andere Perspektiven. Wenn jeder Euro so verwendet wird, daß er entweder vermehrt wieder zurückfließt oder/und dazu beiträgt, daß die Gesamtbelastung, z. B. in der Sozialpolitik, geringer werden kann, können wir - unter Beachtung der Liquiditätsvorsorge - so viel Geld ausgeben, wie wir wollen, und die Finanzlage wird immer besser..

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