Freitag, 10. Januar 2020

Wider die perfide Skandalisierung linker Politik

Von: Jonas Christopher Höpken

Über das neue Buch von Diether Dehm

Wider die perfide Skandalisierung linker Politik

Jonas Christopher Höpken hat eine interessante Besprechung über das neue Buch des Bundestagsabgeordneten und Musikproduzenten Dieter Dehm geschrieben. Das Buch zeigt, wie Medien immer wieder versucht haben, diesen Politiker und Künstler in Misskredit zu bringen.

Wider die perfide Skandalisierung linker Politik


Rezension über Diether Dehm: Meine schönsten Skandale. Von Ruf- und anderen Morden. Berlin 2019.

Sogar eine Prostituierte soll er umgebracht haben, der Diether Dehm. Natürlich seine Lieblingsnutte. Und zwar nachdem er ihr zuerst einen Dankesbrief von Stasi-Chef Egon Krenz (war der doch, oder?) gezeigt hatte, in dem dieser sich bei Dehm dafür bedankte, dass er das Celler Loch gebombt hatte - das war in Wirklichkeit nämlich auch Dehm. Zwecks Erpressung kopierte die Prostituierte dieses Krenz-Schreiben, wofür sie natürlich erschossen werden musste. Dies erledigte Dehm zufälligerweise vor dem Orpheo, der Lieblingskneipe seines Erzfeindes Daniel Cohn-Bendit. Aufgedeckt hat diesen Skandal die große Schriftstellerin Elke Schmitter in einem sogenannten „Schlüsselroman“. Durch den Frankfurter Oberbürgermeister von Schoeler wurde diese Story 1991 an BILD lanciert, die damit wieder einmal eine große Schlagzeile gegen Diether Dehm veröffentlichen konnte. Allerdings, um jetzt langsam seriös zu werden, ohne jeglichen Bezug zur Wirklichkeit. Aber das ist nur einer von zwölf inszenierten Skandalen um Diether Dehm, die dieser in seinem Buch selbst beschreibt und die alle das Ziel hatten, diesen unbequemen Politiker zu Fall zu bringen.

Seinen Anfang nahmen diese Skandale schon Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre im Unterbezirk der Frankfurter SPD, wo Dehm sich der Stamokap-Fraktion anschloss und - so wie zeitlebens - keine Berührungsängste gegenüber Kommunisten und anderen Linken hatte. Als Stamokap setzte er sich allerdings für sehr handfeste Ziele ein – zum Beispiel gegen den Sturz von Kanzler Willy Brandt wegen seiner Ostpolitik und  für die Unterstützung der Nelkenrevolution in Portugal. Schon hier verfestigte sich bei Dehm die Erfahrung des destruktiven Wirkens von antimarxistischen Spontis, die sich von den materiellen Interessen der Arbeiterschaft entfremdet und ihren langen Marsch an die Sperrspitze kapitalfreundlicher Interessenpolitik angetreten hatten. Früh durchschaute Dehm, wie er an mehren Beispielen beschreibt, den Karrierismus von vermeintlichen Frankfurter Revoluzzern wie Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer, der schon in den 80er Jahren lieber Bündnisse mit der heutigen AfD-Protagonistin Erika Steinbach einging, um Diether Dehm zu stoppen.

Überhaupt ist Dehms Buch gespickt mit prominenten Namen, die im letzten halben Jahrhundert die - nicht nur bundesrepublikanische  -Zeitgeschichte mitgeprägt haben und die Diether Dehm, was er erkennbar gerne – auch mit zahlreichen Fotos - dokumentiert, alle persönlich kennengelernt hat. Angefangen bei Rudi Dutschke, der Dehm 1968 schon als Schüler ehrenhalber ins Präsidium des SDS aufgenommen hatte bis hin zu Persönlichkeiten der Weltgeschichte wie Nelson Mandela oder den heutigen UN-Generalsekretär Antonio Guterres. Abgesehen von Dehms unzähligen Weggefährtinnen- und -Gefährten aus dem künstlerischen und kulturellen Bereich.

Frappierend sind die von Dehm gezeichneten parallelen Erfahrungen, die er in den beiden Parteien machen musste, in denen er im Laufe seines Lebens aktiv war. Zunächst 30 Jahre in der SPD, in der er aufgrund seiner marxistischen Grundeinstellung und seiner mangelnden Berührungsängste mit Linken außerhalb der SPD von Anfang an umstritten war und angefeindet wurde, aus der er mehrmals ausgeschlossen werden sollte, bis er am Tag der Bundestagswahl 1998 - ausgerechnet am Tag des Wahlsieges der SPD unter dem Vorsitz seines engen Freundes Oskar Lafontaine - selbst austrat und in die PDS ging. Ein Parteiwechsel vom Regen in die Traufe? Die Auseinandersetzungen mit der SPD-Rechten über „progressive Entstaatlichung“ wiederholten sich nach Dehms Schilderung in der PDS jedenfalls auf erstaunliche Art und Weise; und in beiden Parteien wurden diejenigen, die auf den Kern einer gewerkschaftlich orientierten Politik insistierten, von den Mainstream-Medien - Dehm beklagt in dem Buch mehrmals, dass man heute als Linker vermeintlich nicht mehr von "Lügenpresse" sprechen darf - als die Traditionalisten und die, die eine solche linkssozialdemokratische Politik bekämpften,  als die „Modernisierer“ und „Reformer“ gefeiert. Und in beiden Parteien waren es immer wieder Stasi-Vorwürfe, mit denen die innerparteilichen Gegner Dehm mundtot machend wollten. Aber auch durch Kampagnen wie der von Dehm als Lüge bezeichneten Behauptung, er habe kurz nach seiner Wahl zum stellvertretenden PDS-Vorsitzenden das Wachpersonal im Karl-Liebknecht-Haus angewiesen, die Taschen  des abgelösten Bundesgeschäftsführers Dietmar Bartsch kontrollieren zu lassen. Dehm schildert, wie er immer wieder mit ähnlichen  Diffamierungen konfrontiert wurde.

Dehm spickt sein Buch mit Zeitungsausschnitten, die er nicht weiter kommentiert und die  teilweise nur mit der Lupe zu lesen sind; es kommt ihm dabei wohl eher darauf an, die vielen Schlagzeilen um seine Person zu dokumentieren. Guckt man sich den einen oder anderen dieser Artikel näher an, findet sich so manches Bonmot, so eine in der FAZ Anfang 1994 zitierte Aussage  des damaligen SPD-Politikers Dehm, eine Zusammenarbeit mit der PDS im Bundestag könne er sich nicht vorstellen, da diese nicht koalitionsfähig sei; jede Stimme für die PDS sei daher eine Stimme für eine große Koalition in Bonn. Es sollten nicht viele Jahre vergehen, bis Dehm selbst von seinen ehemaligen SPD-Genossen als eine der Hauptgründe für die Nichtkoalitionsfähigkeit der PDS identifiziert wurde. 

Wie schon deutlich wurde: Von Kriegsminister Joschka Fischer wurde Dieter Dehm nie enttäuscht, da er diesen schon in den 70er Jahren als Opportunisten erlebt hatte. Anders war dies bei Persönlichkeiten wie Wolf Biermann. Dehm, dem an einem Dialog mit linkssozialistischen Kräften in der DDR immer gelegen war, hatte sich massiv gegen dessen Ausbürgerung gewendet, Biermann dann für mehrere Jahre gemanagt und wurde umgekehrt auch von diesem protegiert. Dehm schildert die Enttäuschung, als Biermann sich dann nach der Wende nicht nur den Sozialabbau- und Kriegsbefürwortern zu-, sondern sich von ihm abwandte und ihn mit der Behauptung, Dehm habe das Management für ihn in Wirklichkeit im Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit übernommen, zu diskreditieren versucht.

Für andere Personen, mit denen Dehm kontinuierlich befreundet war, findet er dagegen nur freundliche Worte und geht dabei loyal über mit ihnen vorhandene Konflikte hinweg. So erwähnt er an wenigen Stellen knapp, aber deutlich seine jahrzehntelange Verbundenheit mit Oskar Lafontaine schon zu frühen SPD-Zeiten. An anderer Stelle schildert er seine Konflikte mit der SPD-Führung in den 90er Jahren nicht zuletzt bezüglich der Asylfrage, aber ohne hervorzuheben, dass es an dieser Stelle auch eine klare Differenz zwischen ihm und Lafontaine gegeben hatte. Ebenso wenig nennt er Lafontaines Namen im Zusammenhang mit seinem SPD-Austritt 1998, als dieser immerhin Vorsitzender dieser Partei war. Dehm kaschiert hier aber nicht, sondern demonstriert,  dass Freundschaft und Loyalität durchaus hier und da eine größere inhaltliche Differenzen aushalten können, wenn die Grundrichtung des gemeinsamen Weges stimmt.

Dehm betont zu Beginn des Buches, dass es sich um keine Autobiographie, sondern um eine nichtvollständige Beschreibung seiner "schönsten" Skandale handelt, wie schon der Titel des Buchs sagt. Gleichwohl schildert er zentrale Punkte seines Lebens wie die wichtige Rolle seines früh verstorbenen Vaters, seine wenig erfolgreichen Versuche, als Lerryn eine künstlerische Karriere zu machen sowie seinen beruflicher Weg: Kurz nach seiner Dissertation wäre er beinahe Geschäftsführer der Jungen Forums innerhalb der Ruhr-Festspiele Recklinghausen geworden. Verhindert wurde dies nach Dehms Schilderung von Walter Haas vom Bundesvorstand des DGB, der Dehm als Kommunistenfreund denunzierte. Dieses "SPD-gewerkschaftlich herbegetrickste Berufsverbot" brachte Dehm dazu, privatkapitalistischer Manager zu werden,  wie er betont "aber immerhin mit gewerkschaftlicher Orientierung". Damit verwirklichte er selbst die Stamokap-These über das strategische Zusammengehen kleiner und mittlerer Unternehmer mit der Arbeiterbewegung. Und legte gleichzeitig die Grundlage für lebenslanges Misstrauen von Linken, die der Meinung sind, die Befreiung der Arbeiter könne nur das Werk der Arbeiter allein sein. 

Das Buch bietet ferner einen interessanten subjektiven Überblick über die zeitgeschichtlichen Ereignisse der letzten 50 Jahre, in die Diether Dehm involviert war: angefangen bei den 68er-Protesten,  dann der wesentlich von Dehm mit inszenierten Krefelder Appell, die Entstehung des von Dehm mit erfundenen Formats  Rock gegen Rechts in Frankfurt, schließlich der Kampf gegen die Durchsetzung des neoliberal verschärften Kapitalismus in der Gegenwart. Ständige Begleiter sind Dehms Auseinandersetzung mit der Presse, nicht zuletzt der BILD, die er nach eigener Schilderung in den 90er Jahren trotzdem dazu brachte, ihre Kampagne gegen Katherina Witt zu beenden. Als weiteres Kontinuum schildert Dehm seinen  Kampf gegen das Bankenunwesen, vor allem der Deutschen Bank. 

Obwohl Dehm seine Auseinandersetzung mit der Deutschen Bank immer auch mit dem Anprangern ihrer schlimmen Rolle beim Holocaust verband, brachte gerade diese Bankenkritik ihm, wie auch seine Haltung zur israelischen Politik, den Vorwurf des Antisemitismus ein - einer der schlimmsten und wirkungsvollsten  Vorwürfe gegen einen Linken. Dehm macht in dem Buch deutlich, wie ehrabschneidend er diesen Vorwurf empfindet und weist auf seine vielen politischen und kulturellen Aktivitäten gegen Faschismus und Antisemitismus hin, auch auf seine jüdischen Freunde und Bündnispartner, darunter Überlebende des Holocaust. Mehrmals  thematisiert Dehm  seine einmalige unglückliche  Aussage auf dem Ostermarsch 2009,  Antisemitismus sei „dem Massenmord vorbehalten“: Antisemitismus in jeder Form ist immer in Gefahr, zum Massenmord zu führen; daher gibt es eben keinen Antisemitismus light;  dies macht Dehm als das von ihm eigentlich Gemeinte deutlich. Er verwahrt sich ferner dagegen, er vertrete die These vom guten schaffenden und dem schlechten raffenden Kapital; ein schaffendes Kapital gäbe es nämlich gar nicht.  Wie Dehm sich in seinem Buch gegen den Verdacht des Antisemitismus wehrt,ist glaubwürdig; Diether Dehm ist kein Antisemit, sondern Antifaschist. Doch abstrahiert er meines Erachtens zu sehr von dem Problem, dass die Verbindung von Israelkritik mit Antisemitismus gleichwohl  ein reales Phänomen darstellt und immer wieder vorkommt. Gerade weil Diether Dehm abzunehmen ist, dass er Antisemitismus in jeder Form verabscheut, fehlt in seiner Reflexion über die linke Bewegung die Auseinandersetzung mit dem Problem der immer wieder stattfindenden Anknüpfung von Antisemiten an die Auseinandersetzung mit der Politik Israels.

Für Menschen, die sich für zeitgeschichtliche Reflexionen aus linker Sicht interessieren, ist das Buch von Diether Dehm ein Genuss und eine Fundgrube. Hier schreibt jemand, der wesentliche Auseinandersetzungen der letzten 50 Jahre nicht nur miterlebt hat, sondern vielfach an vorderster Front mit dabei war. Dehm geht es erkennbar auch darum, seine Rolle in den linken Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte ins rechte Licht zu rücken. Wenn im Mittelpunkt seiner Schilderungen steht, wie man immer wieder versucht hat, ihn selbst zu diffamieren  und aus politischen Entscheidungsstrukturen herauszudrängen, geht es ihm aber nicht nur um seine Person, sondern vor allem auch um die perfiden Mechanismen, Auseinandersetzungen gegen die Durchsetzung einer linken Hegemonie zu führen. Ein wesentliches Mittel, linke Politik zu verhindern ist dabei der ständige Versuch, die Linke selbst zu spalten, die einflussreichen und wirkungsmächtigen Kräfte, die sich auf die harten wirtschafts- und sozialpolitischen Themen konzentrieren zu schwächen und stattdessen diejenigen auf Trapez zu heben,  die mit abseitigen Themen für Ablenkung von den realen Auseinandersetzungen und damit für eine realen Schwächung der Linken sorgen. Jedem, der diese Mechanismen durchschauen und vielleicht mit dazu beitragen möchte, sie zu ändern, sei die Lektüre dieses Buches ans Herz gelegt.

Jonas Christopher Höpken, Jahrgang 1972, katholischer Theologe und Sozialpädagoge, lebt und arbeitet in Oldenburg

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